Hessischer Kulturpreis

Das Kreuz mit den Kriterien


Wenn eine Jury einen Preis vergibt, sollte es klare Kriterien für die Vergabe geben. Wie es aussieht, wenn die fehlen, musste jetzt ein vermeintlicher Preisträger des Hessischen Kulturpreises erfahren: Er wurde kurzerhand wieder ausgeladen.


Der mit 45.000 Euro dotierte Hessische Kulturpreis wird seit 1982 jährlich für besondere Leistungen in Kunst, Wissenschaft und Kulturvermittlung vergeben. Wie der Tagesspiegel berichtet, wollte das Kuratorium des Preises 2009 vier Persönlichkeiten für Toleranz und religiöse Dialogfähigkeit auszeichnen.

Zeichen des Dialogs wird zum Symbol der Dialogunfähigkeit
Die ursprünglich vorgesehenen Preisträger: Paul Steinacker, der ehemalige Kirchenpräsident der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann, Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Schriftsteller Navid Kermani, Mitglied der deutschen Islamkonferenz – ein Katholik, ein Protestant, ein Jude und ein Muslim.

Was als Zeichen des Dialogs und der Toleranz zwischen den Religionen geplant war, wurde laut Tagesspiegel in der Folge zum Symbol für Dialogunfähigkeit und Intoleranz. Auf Druck der christlichen Preisträger erkannte das Kuratorium Navid Kermani den Preis wieder ab.

Die Begründung: Navid Kermani habe in einem Artikel in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) "fundamentale und unversöhnliche Angriffe auf das Kreuz als zentralem Symbol des christlichen Glaubens" geäußert.

Die Vorgeschichte
Dabei war Kermani zunächst gar nicht als muslimischer Preisträger vorgesehen, sondern der Wissenschaftler Fuat Sezgin. Dieser habe sich jedoch entschlossen, den Preis nicht anzunehmen – aus Protest gegen Salomon Korns Haltung im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Gaza-Streifen. Als Ersatz habe die Jury schließlich Kermani den Preis zugesprochen.

Dann sei Kermanis Essay in der NZZ erschienen. Darin habe er Gedanken über die Religionen geäußert, von denen einige auf heftigen Protest der christlichen Kirchenvertreter stießen.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) begründete Steinacker seinen Protest gegen den Artikel: "Dessen zentrale Aussagen, die die Einwände des Korans gegen die Kreuzestheologie in verletzender Weise verschärfen und die durch die ungenauen, dialektischen Schlusswendungen nicht erläutert oder gar zurückgenommen werden, machten es mir nicht mehr möglich, den Preis anzunehmen."

Er habe dies der Staatskanzlei mitgeteilt. Es könne aber keine Rede davon sein, er habe verhindert, dass Kermani den Kulturpreis bekommt. Das, so Steinacker, sei eine freie Entscheidung der Jury gewesen.

Preisträger ausgeladen, Preisverleihung verschoben
Welche Kriterien die Jury des Hessischen Staatspreises an die Attribute "Dialogfähigkeit" und "Toleranz" bei der Auswahl der Preisträger gelegt hat, sei dahingestellt. Fakt ist: Der Preis wird 2009 nur an Steinacker, Lehmann und Korn vergeben. Das Kuratorium betrachte "mit großem Bedauern dieses Projekt als vorläufig gescheitert".

Der Streit zog indes ein großes Echo in der deutschen Medienlandschaft nach sich, so dass das Kuratorium inzwischen die Verschiebung der ursprünglich für den 5. Juli geplanten Preisverleihung bekannt gab.

Die Verleihung des Kulturpreises ist nun für den Herbst vorgesehen. Zuvor soll ein nicht-öffentliches Gespräch zwischen den drei verbliebenen Preisträgern und den ursprünglich vorgesehenen die Wogen glätten.


Zur Diskussion im Tagesspiegel, der ZEIT, der Neuen Züricher Zeitung und der Süddeutschen Zeitung

Zum Statement Paul Steinackers in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Zu den Presseerklärungen der Staatkanzlei Hessen zur Ausladung Kermanis und zur Verschiebung der Preisverleihung

Zum Artikel Kermanis in der Neuen Züricher Zeitung

Weitere Informationen zum Hessischen Kulturpreis

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